Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT)
Die Tinnitus-Retraining-Therapie, kurz TRT, ist ein Behandlungsansatz für Menschen mit chronischem Tinnitus. Im Mittelpunkt steht nicht die direkte Beseitigung des Ohrgeräusches, sondern der Umgang damit. Betroffene sollen lernen, dem Tinnitus weniger Aufmerksamkeit und Bedeutung zu geben, sodass er im Alltag zunehmend in den Hintergrund treten kann.
Die TRT verbindet vor allem Beratung und Aufklärung über Tinnitus mit therapeutischen Ansätzen zur Gewöhnung. In klassischen Konzepten können zusätzlich akustische Maßnahmen eingesetzt werden. Wie wirksam die einzelnen Bestandteile sind, muss jedoch differenziert betrachtet werden.
Inhaltsverzeichnis
- Was ist die Tinnitus-Retraining-Therapie?
- Was bedeutet Habituation bei Tinnitus?
- Wie funktioniert eine TRT?
- Beratung und Aufklärung als Grundlage
- Welche Rolle spielen Geräusche und Soundgeneratoren?
- Wie lange dauert eine Tinnitus-Retraining-Therapie?
- Für wen kann eine TRT infrage kommen?
- Wie wirksam ist die Tinnitus-Retraining-Therapie?
- Unterschied zwischen TRT und Verhaltenstherapie
- Unterstützung bei Tinnitus finden
Was ist die Tinnitus-Retraining-Therapie?
Die Tinnitus-Retraining-Therapie wurde als Behandlungskonzept entwickelt, um die Wahrnehmung und insbesondere die Bewertung chronischer Ohrgeräusche zu verändern.
Der Ansatz beruht auf der Annahme, dass nicht allein das akustische Signal darüber entscheidet, wie belastend ein Tinnitus erlebt wird. Auch Aufmerksamkeit, emotionale Bewertung und die Reaktion des Körpers können eine wichtige Rolle spielen.
Ein Geräusch, das als bedrohlich oder besonders störend bewertet wird, erhält automatisch mehr Aufmerksamkeit. Dadurch kann es immer wieder bewusst wahrgenommen werden.
Die TRT versucht, diesen Prozess zu verändern.
Das langfristige Ziel besteht darin, dass der Tinnitus zwar möglicherweise weiterhin vorhanden ist, im Alltag aber deutlich weniger Aufmerksamkeit erhält und weniger belastend erlebt wird.
Was bedeutet Habituation bei Tinnitus?
Ein zentraler Begriff im Zusammenhang mit der TRT ist die Habituation. Damit ist ein Gewöhnungsprozess gemeint.
Unser Gehirn blendet ständig Reize aus, die keine besondere Bedeutung haben. Ein gutes Beispiel sind gleichbleibende Alltagsgeräusche. Das Summen eines Kühlschranks, Verkehrsgeräusche vor dem Fenster oder die Geräusche eines Computers werden häufig nach kurzer Zeit kaum noch bewusst wahrgenommen.
Beim belastenden Tinnitus kann das Gegenteil passieren.
Wird das Ohrgeräusch als gefährlich, störend oder bedrohlich bewertet, richtet sich die Aufmerksamkeit immer wieder darauf. Der Tinnitus bleibt dadurch besonders präsent.
Die Habituation soll dazu beitragen, dass das Gehirn dem Ohrgeräusch langfristig weniger Bedeutung beimisst.
Das bedeutet nicht, dass Betroffene den Tinnitus bewusst ignorieren müssen. Vielmehr soll sich die Reaktion auf das Geräusch schrittweise verändern.
Wie funktioniert eine TRT?
Eine Tinnitus-Retraining-Therapie besteht klassischerweise aus mehreren Bestandteilen.
Dazu können gehören:
- ausführliche Beratung und Aufklärung
- Erklärung möglicher Mechanismen des Tinnitus
- Auseinandersetzung mit der individuellen Wahrnehmung
- Strategien zum Umgang mit den Ohrgeräuschen
- gegebenenfalls eine Hörgeräteversorgung
- je nach Konzept zusätzliche akustische Maßnahmen
Die genaue Gestaltung kann sich zwischen verschiedenen Behandlern und Einrichtungen unterscheiden.
Zu Beginn wird normalerweise die individuelle Situation betrachtet. Dazu gehören unter anderem das Hörvermögen, die Dauer des Tinnitus und die Frage, wie stark die Beschwerden den Alltag beeinflussen.
Auf dieser Grundlage wird ein individuelles Vorgehen entwickelt.
Beratung und Aufklärung als Grundlage
Ein wichtiger Bestandteil der TRT ist das sogenannte Counseling – also die gezielte Beratung und Aufklärung.
Viele Menschen entwickeln nach dem Auftreten eines Tinnitus Sorgen und Ängste.
Typische Gedanken können beispielsweise sein:
„Wird der Tinnitus immer lauter?“
„Kann mein Gehör dadurch geschädigt werden?“
„Muss ich mein ganzes Leben damit leben?“
Solche Gedanken können die Aufmerksamkeit auf das Ohrgeräusch zusätzlich verstärken.
Eine verständliche Aufklärung über Tinnitus soll helfen, Unsicherheiten abzubauen und die Wahrnehmung des Geräusches besser einzuordnen.
Das Wissen darüber, wie Aufmerksamkeit und emotionale Bewertung die Belastung beeinflussen können, bildet eine wichtige Grundlage für einen veränderten Umgang mit dem Tinnitus.
Welche Rolle spielen Geräusche und Soundgeneratoren?
In klassischen TRT-Konzepten werden teilweise zusätzliche akustische Reize eingesetzt.
Dafür können beispielsweise sogenannte Soundgeneratoren oder Noiser verwendet werden. Diese erzeugen ein gleichmäßiges Hintergrundgeräusch.
Auch natürliche Umgebungsgeräusche oder bei gleichzeitig bestehender Hörminderung Hörgeräte können eine Rolle spielen.
Das Ziel besteht dabei nicht unbedingt darin, den Tinnitus vollständig zu überdecken. Vielmehr soll die akustische Umgebung verändert werden, sodass der Tinnitus weniger isoliert wahrgenommen wird.
Die Wirksamkeit solcher zusätzlichen akustischen Maßnahmen ist allerdings nicht für alle Verfahren eindeutig belegt.
Insbesondere spezielle Geräte oder Soundtherapien sollten deshalb nicht mit dem Versprechen angeboten werden, Tinnitus zuverlässig zu beseitigen.
→ Mehr erfahren: Musik- und Klangtherapie bei Tinnitus
Wie lange dauert eine Tinnitus-Retraining-Therapie?
Die TRT ist grundsätzlich als längerfristiger Ansatz konzipiert.
Habituation geschieht normalerweise nicht innerhalb weniger Tage. Das Gehirn benötigt Zeit, um Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster zu verändern.
Je nach Behandlungskonzept und individueller Situation kann sich die Begleitung deshalb über mehrere Monate erstrecken.
Wie schnell Veränderungen wahrgenommen werden, unterscheidet sich von Person zu Person.
Entscheidend ist nicht, täglich zu überprüfen, ob das Ohrgeräusch bereits leiser geworden ist. Eine solche ständige Kontrolle kann die Aufmerksamkeit sogar erneut auf den Tinnitus lenken.
Sinnvoller ist es, Veränderungen der Belastung und der Auswirkungen auf den Alltag über einen längeren Zeitraum zu betrachten.
Für wen kann eine TRT infrage kommen?
Eine Tinnitus-Retraining-Therapie richtet sich insbesondere an Menschen mit länger bestehendem Tinnitus.
Relevant kann sie beispielsweise sein, wenn:
- der Tinnitus häufig bewusst wahrgenommen wird
- die Ohrgeräusche als störend empfunden werden
- die Aufmerksamkeit ständig auf den Tinnitus gerichtet ist
- Sorgen oder Ängste mit dem Tinnitus verbunden sind
- die Lebensqualität beeinträchtigt ist
Vor einer Therapie sollte dennoch eine medizinische beziehungsweise audiologische Abklärung erfolgen.
Besteht beispielsweise gleichzeitig eine relevante Hörminderung, kann deren Versorgung einen wichtigen Bestandteil des Behandlungskonzepts darstellen.
Wie wirksam ist die Tinnitus-Retraining-Therapie?
Bei der Bewertung der TRT ist eine differenzierte Betrachtung wichtig.
Bestandteile wie verständliche Beratung, Aufklärung und ein veränderter Umgang mit dem Tinnitus können für Betroffene hilfreich sein. Die klassische TRT als Gesamtpaket einschließlich spezieller Soundgeneratoren ist wissenschaftlich jedoch nicht so eindeutig belegt, dass sie anderen etablierten Verfahren generell überlegen wäre.
Insbesondere für spezielle akustische Geräte und verschiedene Formen der Soundtherapie ist die Evidenz teilweise begrenzt.
Bei stark belastendem chronischem Tinnitus verfügen psychotherapeutische Verfahren – insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie – über eine bessere wissenschaftliche Grundlage.
Das bedeutet nicht, dass Elemente der TRT grundsätzlich ungeeignet sind. Entscheidend ist vielmehr, welche Bestandteile eingesetzt werden und welches konkrete Therapieziel verfolgt wird.
Unterschied zwischen TRT und Verhaltenstherapie
TRT und kognitive Verhaltenstherapie verfolgen teilweise ähnliche Ziele, setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte.
Die TRT konzentriert sich traditionell stark auf Habituation, Aufklärung und die Veränderung der Reaktion auf das Ohrgeräusch.
Die kognitive Verhaltenstherapie betrachtet zusätzlich systematisch Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen, die zur Belastung beitragen können.
Dabei können beispielsweise Ängste, Schlafprobleme, Stress, Vermeidungsverhalten oder die starke Konzentration auf den Tinnitus bearbeitet werden.
Gerade bei stark belastendem chronischem Tinnitus besitzt die kognitive Verhaltenstherapie eine gute wissenschaftliche Evidenz.
→ Mehr erfahren: Verhaltenstherapie bei Tinnitus
Unterstützung bei Tinnitus finden
Ein chronischer Tinnitus kann sehr unterschiedlich erlebt werden. Während manche Menschen mit der Zeit von selbst lernen, das Ohrgeräusch weniger zu beachten, benötigen andere professionelle Unterstützung.
Entscheidend ist eine Behandlung, die zur individuellen Situation, zum Hörvermögen und zur persönlichen Belastung passt.
Auf Tinnitus-Therapeuten finden Sie spezialisierte Therapeutinnen und Therapeuten sowie weitere Fachpersonen, die Menschen mit Tinnitus begleiten.
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Quellen und weiterführende Informationen
- S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“, Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), Registernummer 017-064
- NICE Guideline NG155 „Tinnitus: assessment and management“, National Institute for Health and Care Excellence
