Musik- und Klangtherapie bei Tinnitus
Musik, Naturgeräusche, Rauschen und andere akustische Reize werden in unterschiedlichen Ansätzen bei Tinnitus eingesetzt. Ziel ist häufig, die Aufmerksamkeit vom Ohrgeräusch zu lösen, Stille angenehmer zu gestalten oder langfristig den Umgang mit dem Tinnitus zu verbessern.
Unter Begriffen wie Klangtherapie oder Soundtherapie werden allerdings sehr unterschiedliche Verfahren angeboten. Ihre wissenschaftliche Evidenz ist nicht einheitlich. Deshalb ist es wichtig, zwischen angenehmer akustischer Unterstützung im Alltag und Verfahren zu unterscheiden, die mit einer gezielten therapeutischen Wirkung auf den Tinnitus werben.
Inhaltsverzeichnis
- Was versteht man unter Musik- und Klangtherapie bei Tinnitus?
- Warum können Geräusche bei Tinnitus hilfreich sein?
- Hintergrundgeräusche im Alltag
- Was sind Noiser und Soundgeneratoren?
- Musiktherapeutische Ansätze
- Was ist Notched Music?
- Sollte man den Tinnitus vollständig überdecken?
- Wie gut sind Klang- und Soundtherapien wissenschaftlich belegt?
- Für wen können akustische Verfahren sinnvoll sein?
- Welche Rolle spielen Hörgeräte?
- Unterstützung bei Tinnitus finden
Was versteht man unter Musik- und Klangtherapie bei Tinnitus?
Eine einheitliche „Klangtherapie gegen Tinnitus“ gibt es nicht.
Vielmehr existieren verschiedene Ansätze, bei denen Geräusche oder Musik eingesetzt werden. Dazu gehören beispielsweise:
- Naturgeräusche
- leises Hintergrundrauschen
- Musik
- sogenannte Noiser oder Soundgeneratoren
- speziell bearbeitete Musik
- individuell angepasste akustische Reize
Die Ziele dieser Verfahren unterscheiden sich.
Manche sollen lediglich dafür sorgen, dass der Tinnitus in ruhiger Umgebung weniger stark auffällt. Andere verfolgen den Anspruch, Wahrnehmungsprozesse oder die Verarbeitung akustischer Signale langfristig zu beeinflussen.
Diese unterschiedlichen Ziele sollten bei der Bewertung eines Verfahrens berücksichtigt werden.
Warum können Geräusche bei Tinnitus hilfreich sein?
Viele Menschen nehmen ihren Tinnitus besonders deutlich wahr, wenn es ruhig ist.
Das fällt beispielsweise abends im Bett, beim Lesen oder in einem sehr stillen Raum auf.
Der Grund ist nachvollziehbar: Fehlen andere akustische Reize, tritt das Ohrgeräusch stärker aus dem Hintergrund hervor.
Angenehme Umgebungsgeräusche können diesen Kontrast reduzieren.
Geeignet können beispielsweise sein:
- leise Naturgeräusche
- Regen
- Meeresrauschen
- ein Ventilator
- ruhige Musik
- andere angenehme Hintergrundgeräusche
Dabei geht es nicht zwingend darum, den Tinnitus vollständig zu überdecken.
Ein angenehmer akustischer Hintergrund kann bereits ausreichen, damit das Ohrgeräusch weniger isoliert wahrgenommen wird.
Hintergrundgeräusche im Alltag
Akustische Unterstützung muss nicht kompliziert oder technisch aufwendig sein.
Manche Betroffene empfinden bereits einfache Alltagsgeräusche als angenehm.
Besonders in sehr ruhigen Situationen können Hintergrundgeräusche dazu beitragen, die Aufmerksamkeit nicht ausschließlich auf den Tinnitus zu richten.
Welche Geräusche als angenehm empfunden werden, ist individuell.
Während eine Person Naturgeräusche bevorzugt, hört eine andere lieber leise Musik. Andere fühlen sich mit einem gleichmäßigen Hintergrundrauschen wohler.
Entscheidend ist, dass die Geräusche angenehm bleiben und das Gehör nicht durch unnötig hohe Lautstärken belastet wird.
Was sind Noiser und Soundgeneratoren?
Noiser beziehungsweise Soundgeneratoren sind Geräte oder Funktionen, die ein kontinuierliches Geräusch erzeugen.
Dabei kann es sich beispielsweise um unterschiedliche Arten von Rauschen handeln.
Solche Geräte wurden unter anderem im Rahmen bestimmter Tinnitus-Retraining-Konzepte eingesetzt. Die Idee besteht darin, die akustische Umgebung zu verändern und dadurch den Umgang mit dem Tinnitus zu unterstützen.
Noiser können eigenständige Geräte sein oder als Zusatzfunktion in Hörgeräten integriert werden.
Wichtig ist allerdings: Spezielle Soundgeneratoren sollten nicht mit dem Versprechen beworben werden, Tinnitus zuverlässig zu beseitigen.
Die wissenschaftliche Evidenz für einen zusätzlichen therapeutischen Nutzen solcher Geräte ist begrenzt und hängt auch vom jeweiligen Verfahren ab.
→ Mehr erfahren: Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT)
Musiktherapeutische Ansätze
Auch Musik wird bei Tinnitus auf unterschiedliche Weise eingesetzt.
Dabei muss zwischen allgemeinem Musikhören und professioneller Musiktherapie unterschieden werden.
Musik kann beispielsweise dazu beitragen:
- Aufmerksamkeit umzulenken
- Entspannung zu fördern
- angenehme emotionale Erfahrungen zu schaffen
- sehr ruhige Situationen akustisch zu gestalten
Professionelle Musiktherapie kann darüber hinaus verschiedene aktive oder rezeptive Methoden einsetzen.
Ob und in welchem Umfang musiktherapeutische Verfahren die tinnitusbedingte Belastung verbessern, hängt vom jeweiligen Ansatz ab.
Deshalb sollten auch hier keine pauschalen Heilversprechen gemacht werden.
Was ist Notched Music?
Ein spezieller Ansatz ist die sogenannte „Notched Music Therapy“.
Dabei wird Musik technisch verändert. Bestimmte Frequenzbereiche rund um die individuell bestimmte Tinnitusfrequenz werden aus der Musik herausgefiltert.
Die dahinterstehende Theorie ist, dass sich dadurch neuronale Aktivitätsmuster beeinflussen lassen könnten, die mit der Wahrnehmung des Tinnitus zusammenhängen.
Dieser Ansatz wurde wissenschaftlich untersucht.
Die bisherigen Ergebnisse reichen jedoch nicht aus, um daraus eine allgemein empfohlene Standardbehandlung für chronischen Tinnitus abzuleiten.
Wer entsprechende Angebote nutzt, sollte deshalb realistische Erwartungen haben und Werbeaussagen kritisch betrachten.
Sollte man den Tinnitus vollständig überdecken?
Nicht unbedingt.
Es kann kurzfristig angenehm sein, den Tinnitus durch andere Geräusche weniger wahrzunehmen. Eine dauerhafte vollständige Maskierung ist jedoch nicht automatisch das Ziel einer therapeutischen Behandlung.
Bei Konzepten, die auf Gewöhnung beziehungsweise Habituation setzen, wird häufig gerade nicht versucht, den Tinnitus vollständig zu überdecken.
Stattdessen soll das Gehirn langfristig lernen, dem vorhandenen Ohrgeräusch weniger Bedeutung zu geben.
Im Alltag kann trotzdem ein angenehmer akustischer Hintergrund hilfreich sein – insbesondere wenn absolute Stille als unangenehm empfunden wird.
Dabei sollte die Lautstärke so gewählt werden, dass sie angenehm ist und das Gehör nicht zusätzlich belastet.
Wie gut sind Klang- und Soundtherapien wissenschaftlich belegt?
Hier ist eine differenzierte Betrachtung besonders wichtig.
Akustische Maßnahmen können von einzelnen Betroffenen als angenehm und unterstützend erlebt werden. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass ein bestimmtes Verfahren den chronischen Tinnitus selbst wirksam behandelt.
Für verschiedene speziell zur Tinnitusbehandlung angebotene Soundverfahren, Geräte oder Formen akustischer Stimulation ist die wissenschaftliche Evidenz bislang begrenzt oder uneinheitlich.
Entsprechend sollten Versprechen wie:
„Tinnitus wegtrainieren“
oder
„Ohrgeräusche durch bestimmte Frequenzen dauerhaft löschen“
kritisch betrachtet werden.
Bei stark belastendem chronischem Tinnitus verfügen andere Ansätze, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie, über eine deutlich bessere wissenschaftliche Grundlage hinsichtlich der Reduktion der tinnitusbedingten Belastung.
→ Mehr erfahren: Verhaltenstherapie bei Tinnitus
Für wen können akustische Verfahren sinnvoll sein?
Akustische Unterstützung kann insbesondere für Menschen interessant sein, die ihren Tinnitus in stillen Situationen sehr deutlich wahrnehmen.
Das kann beispielsweise der Fall sein:
- beim Einschlafen
- beim Lesen
- während konzentrierter Arbeit
- in ruhigen Räumen
- während Entspannungsphasen
Dabei muss nicht zwangsläufig eine spezielle Tinnitus-App oder ein besonderes Gerät verwendet werden.
Für manche Menschen reichen bereits angenehme Umgebungsgeräusche oder leise Musik.
Wenn ein kostenpflichtiges therapeutisches Verfahren angeboten wird, sollte dagegen genauer geprüft werden, welches konkrete Ziel verfolgt wird und wie gut die Wirksamkeit wissenschaftlich belegt ist.
Welche Rolle spielen Hörgeräte?
Eine besondere Situation besteht, wenn Tinnitus gemeinsam mit einer Hörminderung auftritt.
In diesem Fall können Hörgeräte sinnvoll sein.
Sie verstärken relevante Umgebungsgeräusche und verbessern das Hörvermögen. Dadurch kann der akustische Kontrast zwischen dem Tinnitus und der Umgebung geringer werden.
Bei manchen Betroffenen tritt das Ohrgeräusch dadurch weniger stark in den Vordergrund.
Die Behandlung einer bestehenden Hörminderung ist deshalb von speziellen Soundtherapien zu unterscheiden.
Hörgeräte werden in erster Linie eingesetzt, um das eingeschränkte Hörvermögen zu verbessern. Ein positiver Einfluss auf die Tinnituswahrnehmung kann ein zusätzlicher Effekt sein.
→ Mehr erfahren: Hörgeräte bei Tinnitus
Unterstützung bei Tinnitus finden
Musik, Naturgeräusche oder andere akustische Reize können den Alltag mit Tinnitus für manche Menschen angenehmer machen. Spezielle Klang- und Soundtherapien sollten dagegen hinsichtlich ihres Nutzens und ihrer wissenschaftlichen Grundlage differenziert betrachtet werden.
Bei stark belastendem oder länger bestehendem Tinnitus kann eine individuelle fachliche Beratung helfen, geeignete Maßnahmen auszuwählen.
Auf Tinnitus-Therapeuten finden Sie Therapeutinnen und Therapeuten sowie weitere Fachpersonen mit Erfahrung in der Begleitung von Menschen mit Tinnitus.
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Quellen und weiterführende Informationen
- S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“, Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), Registernummer 017-064
- NICE Guideline NG155 „Tinnitus: assessment and management“, National Institute for Health and Care Excellence
