Welche Therapien helfen bei Tinnitus?
Für die Behandlung von Tinnitus gibt es nicht die eine Therapie, die bei allen Betroffenen gleichermaßen wirkt. Entscheidend ist zunächst, mögliche Ursachen und Begleiterkrankungen zu erkennen und zu klären, wie stark die Ohrgeräusche den Alltag beeinträchtigen. Je nach Situation können medizinische Behandlung, Hörgeräte, psychotherapeutische Verfahren oder unterstützende Maßnahmen infrage kommen.
Bei chronischem Tinnitus besteht das Ziel häufig nicht darin, das Ohrgeräusch vollständig zu beseitigen. Vielmehr geht es darum, die Belastung zu reduzieren, den Umgang mit dem Tinnitus zu verbessern und die Lebensqualität wieder zu erhöhen.
Inhaltsverzeichnis
- Welche Behandlung ist bei Tinnitus sinnvoll?
- Zuerst mögliche Ursachen abklären
- Verhaltenstherapie bei Tinnitus
- Hörgeräte bei Tinnitus
- Tinnitus-Retraining-Therapie
- Entspannung und Stressbewältigung
- Psychotherapie bei Tinnitus
- EMDR bei Tinnitus
- Musik- und Klangtherapie
- Gibt es Medikamente gegen Tinnitus?
- Welche Therapie passt zu mir?
- Unterstützung bei Tinnitus finden
Welche Behandlung ist bei Tinnitus sinnvoll?
Welche Behandlung sinnvoll ist, hängt stark von der individuellen Situation ab. Tinnitus kann sehr unterschiedliche Ursachen und Ausprägungen haben. Während manche Menschen die Ohrgeräusche kaum als störend empfinden, können sie bei anderen Schlaf, Konzentration, Stimmung und Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.
Deshalb sollte nicht ausschließlich das Geräusch selbst betrachtet werden. Wichtig sind unter anderem das Hörvermögen, mögliche körperliche Ursachen, die Dauer des Tinnitus und bestehende Begleitbeschwerden.
Eine Therapie sollte sich entsprechend an den individuellen Befunden und der persönlichen Belastung orientieren.
Zuerst mögliche Ursachen abklären
Bevor eine gezielte Behandlung beginnt, sollte insbesondere ein neu aufgetretener oder belastender Tinnitus medizinisch abgeklärt werden.
Eine Hals-Nasen-Ohren-ärztliche Untersuchung kann beispielsweise helfen festzustellen, ob eine Hörminderung oder eine andere Erkrankung des Hörsystems vorliegt.
Auch Begleiterkrankungen und weitere Beschwerden können für die Behandlung relevant sein. Dazu gehören beispielsweise Schlafprobleme, Ängste, depressive Beschwerden oder eine ausgeprägte Stressbelastung.
Wird eine behandelbare Ursache festgestellt, steht deren Behandlung im Vordergrund.
Verhaltenstherapie bei Tinnitus
Die kognitive Verhaltenstherapie gehört zu den wichtigen Behandlungsansätzen bei belastendem chronischem Tinnitus.
Dabei geht es nicht darum, das Ohrgeräusch direkt auszuschalten. Stattdessen lernen Betroffene, ihre Aufmerksamkeit, Gedanken und Reaktionen auf den Tinnitus zu verändern.
Ein dauerhaft negativ bewertetes Ohrgeräusch kann Stress und Anspannung auslösen. Gleichzeitig können Stress und eine starke Konzentration auf den Tinnitus dazu führen, dass dieser noch stärker wahrgenommen wird.
Die Verhaltenstherapie versucht, diesen Kreislauf zu durchbrechen und einen weniger belastenden Umgang mit dem Tinnitus zu entwickeln.
→ Mehr erfahren: Verhaltenstherapie bei Tinnitus
Hörgeräte bei Tinnitus
Tinnitus tritt häufig gemeinsam mit einer Hörminderung auf. In diesen Fällen kann eine Hörgeräteversorgung sinnvoll sein.
Hörgeräte verstärken die Geräusche der Umgebung und verbessern in erster Linie das Hörvermögen. Gleichzeitig kann dadurch bei manchen Betroffenen der Tinnitus weniger stark in den Vordergrund treten.
Liegt eine relevante Schwerhörigkeit vor, sollte deshalb geprüft werden, ob eine Hörgeräteversorgung infrage kommt.
Bei hochgradiger Schwerhörigkeit oder Taubheit können in bestimmten Fällen auch implantierbare Hörsysteme wie ein Cochlea-Implantat eine Rolle spielen.
→ Mehr erfahren: Hörgeräte bei Tinnitus
Tinnitus-Retraining-Therapie
Die Tinnitus-Retraining-Therapie, kurz TRT, verfolgt das Ziel, die Reaktion auf das Ohrgeräusch langfristig zu verändern.
Ein wichtiger Bestandteil ist die ausführliche Aufklärung über Tinnitus. Je nach Konzept kommen zusätzlich akustische Maßnahmen zum Einsatz.
Dahinter steht der Gedanke der Habituation: Das Gehirn soll lernen, dem Tinnitus weniger Bedeutung zu geben und ihn zunehmend in den Hintergrund der Wahrnehmung treten zu lassen.
Die einzelnen Bestandteile der TRT sollten jedoch differenziert betrachtet werden. Nicht jede speziell für Tinnitus angebotene akustische Behandlung ist wissenschaftlich gleichermaßen gut belegt.
→ Mehr erfahren: Tinnitus-Retraining-Therapie
Entspannung und Stressbewältigung
Viele Betroffene stellen fest, dass ihr Tinnitus in stressigen Situationen stärker wahrgenommen wird. Stress muss dabei nicht die eigentliche Ursache des Tinnitus sein. Er kann jedoch beeinflussen, wie präsent und belastend die Ohrgeräusche erscheinen.
Entspannungsverfahren können deshalb als unterstützende Maßnahmen sinnvoll sein.
Dazu gehören beispielsweise:
- Progressive Muskelentspannung
- Atemübungen
- Achtsamkeitsübungen
- Entspannungstraining
- Strategien zur Stressbewältigung
Das Ziel besteht vor allem darin, Anspannung zu reduzieren und einen besseren Umgang mit belastenden Situationen zu entwickeln.
→ Mehr erfahren: Entspannung und Stressbewältigung bei Tinnitus
Psychotherapie bei Tinnitus
Chronischer Tinnitus kann weit über das eigentliche Ohrgeräusch hinaus Auswirkungen haben.
Schlafprobleme, Ängste, depressive Beschwerden, Stress oder sozialer Rückzug können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Gleichzeitig können solche Belastungen die Wahrnehmung des Tinnitus zusätzlich verstärken.
Psychotherapeutische Unterstützung kann deshalb besonders sinnvoll sein, wenn der Tinnitus mit einer starken emotionalen oder psychischen Belastung verbunden ist.
Dabei können sowohl der Umgang mit dem Tinnitus als auch bestehende Begleiterkrankungen behandelt werden.
→ Mehr erfahren: Psychotherapie bei Tinnitus
EMDR bei Tinnitus
EMDR steht für „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“ und ist ein psychotherapeutisches Verfahren, das insbesondere aus der Behandlung traumatischer und stark belastender Erfahrungen bekannt ist.
Auch im Zusammenhang mit Tinnitus wird EMDR eingesetzt und wissenschaftlich untersucht.
Der Ansatz richtet sich unter anderem an die emotionale Belastung und die Verarbeitung des Tinnitus. Die wissenschaftliche Datenlage ist jedoch nicht mit derjenigen etablierter verhaltenstherapeutischer Ansätze gleichzusetzen.
EMDR sollte deshalb nicht als allgemein nachgewiesene Standardtherapie zur Beseitigung von Tinnitus dargestellt werden.
→ Mehr erfahren: EMDR bei Tinnitus
Musik- und Klangtherapie bei Tinnitus
Geräusche und Musik spielen bei verschiedenen Tinnitus-Konzepten eine Rolle. Hintergrund ist unter anderem die Idee, die Wahrnehmung des Tinnitus zu beeinflussen oder die Aufmerksamkeit stärker auf andere akustische Reize zu lenken.
Die angebotenen Verfahren unterscheiden sich allerdings erheblich.
Dazu gehören beispielsweise Hintergrundgeräusche, sogenannte Soundgeneratoren sowie speziell veränderte Musik oder andere akustische Stimulationsverfahren.
Für speziell zur Tinnitusbehandlung beworbene Geräte und verschiedene Formen akustischer Stimulation ist die wissenschaftliche Evidenz teilweise begrenzt oder nicht ausreichend.
Deshalb sollte genau unterschieden werden, welches Verfahren angeboten wird und welche wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu vorliegen.
→ Mehr erfahren: Musik- und Klangtherapie bei Tinnitus
Gibt es Medikamente gegen Tinnitus?
Eine einfache Tablette, die chronischen Tinnitus zuverlässig beseitigt, gibt es bislang nicht.
Medikamente können jedoch relevant sein, wenn eine konkrete Erkrankung oder Begleiterkrankung behandelt werden muss. Das kann beispielsweise bei bestimmten psychischen oder körperlichen Erkrankungen der Fall sein.
Dabei wird nicht zwangsläufig der Tinnitus selbst medikamentös behandelt, sondern eine zugrunde liegende oder begleitende Erkrankung.
Von vermeintlichen Tinnitus-Mitteln mit Heilversprechen ist daher eine evidenzbasierte medizinische Behandlung klar zu unterscheiden.
Welche Therapie passt zu mir?
Die passende Behandlung hängt von der individuellen Situation ab.
Bei einer Hörminderung kann beispielsweise eine Hörgeräteversorgung sinnvoll sein. Steht dagegen die starke Belastung durch einen chronischen Tinnitus im Vordergrund, können psychotherapeutische Verfahren eine wichtige Rolle spielen.
Auch mehrere Maßnahmen können Bestandteil eines individuellen Behandlungskonzepts sein.
Entscheidend ist deshalb nicht, möglichst viele verschiedene Tinnitus-Therapien auszuprobieren. Sinnvoller ist eine gezielte Behandlung, die sich an den diagnostischen Befunden, bestehenden Begleiterkrankungen und der persönlichen Belastung orientiert.
Unterstützung bei Tinnitus finden
Tinnitus wird von jedem Menschen unterschiedlich erlebt. Entsprechend unterschiedlich kann auch der Bedarf an professioneller Unterstützung sein.
Auf Tinnitus-Therapeuten finden Sie spezialisierte Therapeutinnen und Therapeuten sowie weitere Fachpersonen, die Menschen mit Tinnitus begleiten.
→ Tinnitus-Therapeuten in Ihrer Nähe finden
Quellen und weiterführende Informationen
- S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“, Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), Registernummer 017-064
- NICE Guideline NG155 „Tinnitus: assessment and management“, National Institute for Health and Care Excellence
