EMDR bei Tinnitus
EMDR steht für „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“ und ist ein psychotherapeutisches Verfahren, das insbesondere aus der Behandlung traumatischer und stark belastender Erfahrungen bekannt ist. Auch bei Tinnitus wird EMDR eingesetzt und wissenschaftlich untersucht.
Der Ansatz zielt dabei nicht unmittelbar auf eine Erkrankung des Ohres. Vielmehr steht die emotionale Verarbeitung des Tinnitus im Mittelpunkt. Insbesondere bei Menschen, die ihr Ohrgeräusch als stark bedrohlich oder belastend erleben, kann dieser Ansatz interessant sein. Die wissenschaftliche Evidenz für EMDR bei Tinnitus ist allerdings noch begrenzt, weshalb das Verfahren nicht mit etablierten Behandlungen wie der kognitiven Verhaltenstherapie gleichgesetzt werden sollte.
Inhaltsverzeichnis
- Was ist EMDR?
- Warum wird EMDR bei Tinnitus eingesetzt?
- Welche Rolle spielt die emotionale Bewertung des Tinnitus?
- Wie läuft EMDR bei Tinnitus ab?
- Was passiert während einer EMDR-Sitzung?
- Für wen könnte EMDR bei Tinnitus interessant sein?
- Kann EMDR den Tinnitus beseitigen?
- Wie gut ist EMDR bei Tinnitus wissenschaftlich untersucht?
- EMDR oder Verhaltenstherapie?
- Unterstützung bei Tinnitus finden
Was ist EMDR?
EMDR ist ein psychotherapeutisches Verfahren. Die Abkürzung steht für „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“, auf Deutsch etwa Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegungen.
Bekannt geworden ist EMDR insbesondere durch seinen Einsatz bei posttraumatischen Belastungsstörungen.
Während einer EMDR-Behandlung beschäftigt sich die betroffene Person mit einer belastenden Erinnerung oder Wahrnehmung. Gleichzeitig erfolgt eine sogenannte bilaterale Stimulation.
Dabei kann die Therapeutin oder der Therapeut beispielsweise Augenbewegungen anleiten. Auch andere Formen wechselseitiger Stimulation können eingesetzt werden.
Ziel ist es, die Verarbeitung belastender Erfahrungen zu unterstützen und deren emotionale Wirkung zu verändern.
Warum wird EMDR bei Tinnitus eingesetzt?
Ein chronischer Tinnitus kann bei manchen Menschen eine starke emotionale Reaktion auslösen.
Das Ohrgeräusch wird beispielsweise mit Angst, Hilflosigkeit oder Kontrollverlust verbunden.
Gedanken können sein:
„Ich halte dieses Geräusch nicht aus.“
„Es wird niemals wieder verschwinden.“
„Mein Leben wird dadurch immer eingeschränkt bleiben.“
Dadurch kann der Tinnitus eine immer größere Bedeutung erhalten.
Genau hier liegt eine mögliche Verbindung zum Einsatz von EMDR.
Statt ausschließlich das akustische Signal zu betrachten, richtet sich die Aufmerksamkeit auf die emotionale Reaktion und die Verarbeitung des Tinnitus.
Welche Rolle spielt die emotionale Bewertung des Tinnitus?
Zwei Menschen können ein vergleichbares Ohrgeräusch sehr unterschiedlich erleben.
Eine Person nimmt es zwar wahr, kann ihm aber nach einiger Zeit wenig Aufmerksamkeit schenken.
Eine andere Person erlebt das gleiche Geräusch möglicherweise als dauerhaft bedrohlich und belastend.
Das zeigt, dass nicht allein die wahrgenommene Lautstärke darüber entscheidet, wie stark ein Mensch unter Tinnitus leidet.
Auch Faktoren wie:
- Aufmerksamkeit
- Angst
- Stress
- persönliche Bewertung
- Erfahrungen
- Schlaf
- psychische Belastungen
können beeinflussen, wie der Tinnitus erlebt wird.
Psychotherapeutische Verfahren versuchen deshalb unter anderem, die Reaktion auf das Ohrgeräusch zu verändern.
Wie läuft EMDR bei Tinnitus ab?
Eine EMDR-Behandlung beginnt normalerweise nicht unmittelbar mit Augenbewegungen.
Zunächst wird die individuelle Situation ausführlich betrachtet.
Dabei können beispielsweise folgende Fragen eine Rolle spielen:
- Seit wann besteht der Tinnitus?
- Wie stark wird er als belastend erlebt?
- Welche Situationen verstärken die Belastung?
- Welche Gedanken werden mit dem Tinnitus verbunden?
- Welche Gefühle löst das Ohrgeräusch aus?
- Gibt es ein bestimmtes Ereignis, das mit dem Beginn des Tinnitus verbunden wird?
- Bestehen weitere psychische Belastungen?
Auf dieser Grundlage können besonders belastende Wahrnehmungen oder Gedanken identifiziert werden.
Anschließend kann die eigentliche EMDR-Arbeit beginnen.
Was passiert während einer EMDR-Sitzung?
Während einer EMDR-Sitzung konzentriert sich die betroffene Person zeitweise auf eine belastende Erinnerung, Vorstellung oder Wahrnehmung.
Gleichzeitig erfolgt eine bilaterale Stimulation.
Bekannt sind vor allem geführte Augenbewegungen, bei denen die Augen einer Bewegung von einer Seite zur anderen folgen.
Alternativ können beispielsweise wechselseitige taktile oder akustische Reize eingesetzt werden.
Zwischen den einzelnen Sequenzen wird besprochen, welche Gedanken, Gefühle oder Wahrnehmungen aufgetreten sind.
Bei der Arbeit mit Tinnitus kann sich die therapeutische Aufmerksamkeit beispielsweise auf die mit dem Ohrgeräusch verbundene Angst oder Belastung richten.
Der genaue Ablauf hängt jedoch von der individuellen Situation und dem therapeutischen Vorgehen ab.
Für wen könnte EMDR bei Tinnitus interessant sein?
EMDR kann insbesondere dann diskutiert werden, wenn der Tinnitus mit einer ausgeprägten emotionalen Belastung verbunden ist.
Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn:
- der Beginn des Tinnitus als stark belastendes Ereignis erlebt wurde
- große Angst vor dem Ohrgeräusch besteht
- der Tinnitus mit Gefühlen von Hilflosigkeit verbunden ist
- die Aufmerksamkeit ständig auf das Geräusch gerichtet ist
- weitere belastende Erfahrungen eine Rolle spielen
Ob EMDR im individuellen Fall sinnvoll ist, sollte gemeinsam mit entsprechend qualifizierten Fachpersonen beurteilt werden.
Eine medizinische Abklärung möglicher körperlicher Ursachen des Tinnitus wird dadurch nicht ersetzt.
Kann EMDR den Tinnitus beseitigen?
EMDR sollte nicht mit dem Versprechen angeboten werden, Tinnitus zuverlässig zu beseitigen.
Das therapeutische Ziel kann vielmehr darin bestehen, die emotionale Belastung und die Reaktion auf das Ohrgeräusch zu verändern.
Wenn der Tinnitus weniger Angst oder Stress auslöst, kann er im Alltag möglicherweise weniger dominant wahrgenommen werden.
Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass das akustisch wahrgenommene Geräusch verschwindet oder objektiv leiser wird.
Diese Unterscheidung ist wichtig, um realistische Erwartungen an die Behandlung zu haben.
Wie gut ist EMDR bei Tinnitus wissenschaftlich untersucht?
EMDR bei Tinnitus wurde in klinischen Untersuchungen erforscht. Im Vergleich zu etablierten psychotherapeutischen Ansätzen ist die wissenschaftliche Datenbasis jedoch noch begrenzt.
Für die kognitive Verhaltenstherapie bei belastendem chronischem Tinnitus besteht eine deutlich breitere wissenschaftliche Grundlage.
EMDR sollte deshalb derzeit nicht als eindeutig belegene Standardbehandlung oder als Ersatz für etablierte Therapieverfahren dargestellt werden.
Das bedeutet gleichzeitig nicht, dass das Verfahren für einzelne Betroffene keinen Nutzen haben kann.
Weitere hochwertige Studien sind notwendig, um genauer beurteilen zu können, welche Patientengruppen profitieren und welche Rolle EMDR künftig innerhalb der Tinnitus-Behandlung einnehmen könnte.
EMDR oder Verhaltenstherapie?
EMDR und kognitive Verhaltenstherapie sind unterschiedliche psychotherapeutische Ansätze.
Bei der Verhaltenstherapie werden unter anderem belastende Gedanken, Aufmerksamkeit, Verhalten und der Umgang mit dem Tinnitus systematisch betrachtet.
EMDR konzentriert sich stärker auf die Verarbeitung belastender Erfahrungen und emotional aufgeladener Wahrnehmungen.
Bei chronischem, belastendem Tinnitus besitzt die kognitive Verhaltenstherapie derzeit die deutlich solidere wissenschaftliche Grundlage.
Welcher therapeutische Ansatz im Einzelfall sinnvoll ist, hängt jedoch von der persönlichen Situation, möglichen Begleiterkrankungen und der individuellen Vorgeschichte ab.
→ Mehr erfahren: Verhaltenstherapie bei Tinnitus
Unterstützung bei Tinnitus finden
Tinnitus kann nicht nur das Hören, sondern auch das emotionale Wohlbefinden erheblich beeinflussen. Wenn das Ohrgeräusch mit Angst, Stress oder einer starken psychischen Belastung verbunden ist, kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein.
Auf Tinnitus-Therapeuten finden Sie Therapeutinnen und Therapeuten sowie weitere Fachpersonen, die Erfahrung in der Begleitung von Menschen mit Tinnitus haben.
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Quellen und weiterführende Informationen
- S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“, Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), Registernummer 017-064
- NICE Guideline NG155 „Tinnitus: assessment and management“, National Institute for Health and Care Excellence
