Hörgeräte bei Tinnitus

Hörgeräte bei Tinnitus

Tinnitus und Hörverlust treten häufig gemeinsam auf. Besteht neben den Ohrgeräuschen eine relevante Hörminderung, können Hörgeräte deshalb ein wichtiger Bestandteil der Versorgung sein. Sie verbessern in erster Linie das Hören, können bei manchen Betroffenen aber gleichzeitig dazu führen, dass der Tinnitus weniger stark in den Vordergrund tritt.

Ob Hörgeräte bei Tinnitus sinnvoll sind, hängt daher vor allem vom individuellen Hörvermögen und den persönlichen Beschwerden ab. Eine professionelle Hördiagnostik bildet die Grundlage für die Entscheidung.

Inhaltsverzeichnis

  • Warum treten Tinnitus und Hörverlust häufig gemeinsam auf?
  • Wie können Hörgeräte bei Tinnitus helfen?
  • Wird der Tinnitus durch Hörgeräte leiser?
  • Für wen sind Hörgeräte bei Tinnitus sinnvoll?
  • Was passiert bei der Hörgeräteversorgung?
  • Hörgeräte mit zusätzlichen Tinnitus-Funktionen
  • Was passiert, wenn keine Hörminderung vorliegt?
  • Cochlea-Implantate bei Tinnitus und starkem Hörverlust
  • Welche Rolle spielen weitere Therapieansätze?
  • Unterstützung bei Tinnitus finden

Warum treten Tinnitus und Hörverlust häufig gemeinsam auf?

Zwischen dem Hörvermögen und Tinnitus besteht ein enger Zusammenhang. Viele Menschen mit Tinnitus weisen gleichzeitig eine Hörminderung auf.

Eine mögliche Erklärung liegt in der Verarbeitung akustischer Informationen. Wenn bestimmte Frequenzen aufgrund einer Hörminderung schlechter wahrgenommen werden, erhält das Gehirn weniger Informationen aus diesem Frequenzbereich.

Das Hörsystem kann auf diese Veränderungen reagieren. Dabei können Prozesse im zentralen Nervensystem eine Rolle bei der Entstehung oder Aufrechterhaltung eines Tinnitus spielen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder Mensch mit Hörverlust automatisch einen Tinnitus entwickelt. Ebenso kann Tinnitus auch bei Menschen auftreten, bei denen zunächst keine deutliche Hörminderung festgestellt wird.

Wie können Hörgeräte bei Tinnitus helfen?

Die wichtigste Aufgabe eines Hörgerätes besteht darin, eine bestehende Hörminderung auszugleichen.

Geräusche aus der Umgebung, Sprache und andere akustische Signale werden wieder besser wahrnehmbar. Dadurch erhält das Gehirn mehr akustische Informationen.

Für Menschen mit Tinnitus kann dies einen zusätzlichen Effekt haben: Das Ohrgeräusch steht möglicherweise weniger isoliert im Vordergrund.

Besonders in ruhigen Situationen kann ein Tinnitus sehr präsent erscheinen. Werden Umgebungsgeräusche durch ein Hörgerät wieder besser wahrgenommen, kann sich die Aufmerksamkeit stärker auf die tatsächlichen Geräusche der Umgebung richten.

Gleichzeitig kann ein besseres Hörvermögen die Kommunikation im Alltag erleichtern und die mit einer Schwerhörigkeit verbundenen Belastungen reduzieren.

Wird der Tinnitus durch Hörgeräte leiser?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten.

Bei manchen Menschen wird der Tinnitus während des Tragens eines Hörgerätes subjektiv weniger deutlich wahrgenommen. Bei anderen verändert sich das Ohrgeräusch selbst kaum, wird aber als weniger störend empfunden.

Hörgeräte sollten deshalb nicht mit dem Versprechen eingesetzt werden, einen Tinnitus zu beseitigen.

Ihr primäres Ziel ist die Verbesserung des Hörvermögens bei bestehender Schwerhörigkeit.

Die mögliche Verringerung der tinnitusbedingten Belastung kann ein zusätzlicher positiver Effekt sein.

Für wen sind Hörgeräte bei Tinnitus sinnvoll?

Eine Hörgeräteversorgung kommt insbesondere dann infrage, wenn neben dem Tinnitus eine behandlungsbedürftige Hörminderung festgestellt wurde.

Hinweise auf eine Hörminderung können beispielsweise sein:

  • Gespräche werden schlechter verstanden
  • Sprache ist in größeren Gruppen schwer verständlich
  • Fernseher oder Radio müssen zunehmend lauter eingestellt werden
  • hohe oder leise Töne werden schlechter wahrgenommen
  • Gespräche in lauter Umgebung werden anstrengend
  • andere Personen werden häufiger um Wiederholungen gebeten

Eine Hörminderung entwickelt sich häufig schleichend und wird deshalb von Betroffenen nicht immer sofort wahrgenommen.

Ein professioneller Hörtest kann zeigen, ob und in welchen Frequenzbereichen das Hörvermögen eingeschränkt ist.

Was passiert bei der Hörgeräteversorgung?

Vor einer Hörgeräteversorgung sollte das Hörvermögen genau untersucht werden.

In der Regel erfolgt zunächst eine HNO-ärztliche Untersuchung und Hördiagnostik. Anschließend kann eine individuelle Anpassung durch eine Hörakustikerin oder einen Hörakustiker erfolgen.

Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle:

  • Art und Stärke der Hörminderung
  • Sprachverständnis
  • persönliche Hörsituationen
  • beruflicher und privater Alltag
  • Tragekomfort
  • individuelle Anforderungen an das Hörgerät

Die Anpassung ist häufig ein Prozess. Das Gehirn muss sich teilweise erst wieder daran gewöhnen, bestimmte Umgebungsgeräusche deutlicher wahrzunehmen.

Deshalb können mehrere Anpassungstermine notwendig sein.

Hörgeräte mit zusätzlichen Tinnitus-Funktionen

Einige moderne Hörgeräte verfügen über zusätzliche Funktionen, die speziell für Menschen mit Tinnitus angeboten werden.

Dazu gehören beispielsweise sogenannte Noiser oder Soundgeneratoren. Sie erzeugen zusätzliche Geräusche, die den Tinnitus weniger auffällig erscheinen lassen oder die Aufmerksamkeit auf andere akustische Reize lenken sollen.

Solche Funktionen sind jedoch nicht automatisch für jeden Menschen mit Tinnitus notwendig oder sinnvoll.

Entscheidend bleibt bei einer bestehenden Hörminderung zunächst eine gute Versorgung des Hörverlustes.

Für zusätzliche akustische Verfahren sollte individuell geprüft werden, welchen Nutzen sie tatsächlich bieten. Die wissenschaftliche Evidenz ist nicht für sämtliche speziell beworbenen Tinnitus-Funktionen gleichermaßen eindeutig.

Was passiert, wenn keine Hörminderung vorliegt?

Besteht keine relevante Hörminderung, ergibt sich daraus nicht automatisch eine Empfehlung für ein Hörgerät.

In diesem Fall sollten andere Faktoren betrachtet werden.

Dazu gehören beispielsweise:

  • Stärke der tinnitusbedingten Belastung
  • Schlafprobleme
  • Stress
  • Ängste
  • Konzentrationsprobleme
  • psychische Begleiterkrankungen

Je nach individueller Situation können dann andere Behandlungs- und Unterstützungsangebote sinnvoller sein.

Bei stark belastendem chronischem Tinnitus spielen beispielsweise psychotherapeutische Verfahren eine wichtige Rolle.

→ Mehr erfahren: Verhaltenstherapie bei Tinnitus

Cochlea-Implantate bei Tinnitus und starkem Hörverlust

Bei hochgradigem Hörverlust oder Taubheit können Hörgeräte unter Umständen nicht mehr ausreichend helfen.

Für bestimmte Betroffene kann dann ein Cochlea-Implantat infrage kommen. Dabei handelt es sich um ein elektronisches Hörimplantat, das die Funktion geschädigter Bereiche des Innenohres teilweise übernimmt und den Hörnerv elektrisch stimuliert.

Bei Menschen, die zusätzlich unter Tinnitus leiden, kann sich durch die Versorgung mit einem Cochlea-Implantat auch die Wahrnehmung des Tinnitus verändern.

Ein Cochlea-Implantat ist jedoch keine allgemeine Tinnitus-Behandlung. Ob eine solche Versorgung infrage kommt, hängt in erster Linie von der Art und dem Ausmaß des Hörverlustes ab und muss in einem spezialisierten Zentrum untersucht werden.

Welche Rolle spielen weitere Therapieansätze?

Ein Hörgerät ist häufig nur ein Bestandteil eines umfassenderen Umgangs mit Tinnitus.

Besteht beispielsweise zusätzlich eine starke psychische Belastung, können weitere Maßnahmen sinnvoll sein.

Dazu gehören unter anderem:

  • Verhaltenstherapeutische Verfahren
  • Psychotherapeutische Unterstützung
  • Aufklärung und Beratung
  • Stressbewältigung
  • Entspannungsverfahren

Welche Kombination sinnvoll ist, hängt von den individuellen Beschwerden ab.

Die Behandlung sollte deshalb nicht ausschließlich darauf ausgerichtet sein, das Ohrgeräusch zu verändern. Ebenso wichtig sind Hörvermögen, Lebensqualität und der persönliche Umgang mit dem Tinnitus.

Unterstützung bei Tinnitus finden

Wenn Tinnitus gemeinsam mit Hörproblemen auftritt, ist eine professionelle Hördiagnostik ein wichtiger erster Schritt. Wird eine Hörminderung festgestellt, kann geprüft werden, ob eine Hörgeräteversorgung sinnvoll ist.

Besteht darüber hinaus eine starke Belastung durch den Tinnitus, können ergänzende therapeutische Angebote helfen, einen besseren Umgang mit den Ohrgeräuschen zu entwickeln.

Auf Tinnitus-Therapeuten finden Sie spezialisierte Therapeutinnen und Therapeuten sowie weitere Fachpersonen für die Begleitung von Menschen mit Tinnitus.

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Quellen und weiterführende Informationen

  • S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“, Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), Registernummer 017-064
  • NICE Guideline NG155 „Tinnitus: assessment and management“, National Institute for Health and Care Excellence