Verhaltenstherapie bei Tinnitus
Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) gehört zu den am besten untersuchten psychotherapeutischen Behandlungsansätzen bei chronischem, belastendem Tinnitus. Ihr Ziel ist in der Regel nicht, das Ohrgeräusch selbst zu beseitigen. Vielmehr soll sie dabei helfen, die Belastung durch den Tinnitus zu reduzieren und einen besseren Umgang mit den Ohrgeräuschen zu entwickeln.
Dabei werden unter anderem Aufmerksamkeit, Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen betrachtet, die dazu beitragen können, dass der Tinnitus immer stärker in den Mittelpunkt des Alltags rückt.
Inhaltsverzeichnis
- Warum Verhaltenstherapie bei Tinnitus?
- Wie beeinflussen Gedanken die Wahrnehmung des Tinnitus?
- Wie läuft eine Verhaltenstherapie ab?
- Welche Methoden können eingesetzt werden?
- Kann Verhaltenstherapie den Tinnitus leiser machen?
- Welche Rolle spielen Stress und Aufmerksamkeit?
- Für wen kann Verhaltenstherapie sinnvoll sein?
- Wie gut ist die Wirksamkeit belegt?
- Unterstützung bei Tinnitus finden
Warum Verhaltenstherapie bei Tinnitus?
Menschen können auf ein vergleichbares Ohrgeräusch sehr unterschiedlich reagieren. Während manche ihren Tinnitus nach einiger Zeit kaum noch beachten, kann er für andere zu einer erheblichen Belastung werden.
Ein Grund dafür liegt darin, wie das Geräusch wahrgenommen und bewertet wird.
Gedanken wie „Das wird nie wieder aufhören“, „Ich kann damit nicht schlafen“ oder „Der Tinnitus bestimmt mein Leben“ können Angst, Anspannung und Stress verstärken. Dadurch richtet sich die Aufmerksamkeit wiederum stärker auf das Ohrgeräusch.
Es kann ein Kreislauf entstehen:
Tinnitus → negative Bewertung → Stress und Anspannung → stärkere Aufmerksamkeit auf den Tinnitus → höhere Belastung
Die Verhaltenstherapie setzt unter anderem an diesem Kreislauf an.
Wie beeinflussen Gedanken die Wahrnehmung des Tinnitus?
Unser Gehirn verarbeitet ständig eine große Menge an Informationen. Viele davon werden automatisch ausgeblendet, weil sie für uns keine besondere Bedeutung haben.
Wird ein Geräusch dagegen als bedrohlich, störend oder besonders wichtig bewertet, richtet sich die Aufmerksamkeit stärker darauf.
Bei Tinnitus kann genau das passieren.
Betroffene überprüfen beispielsweise immer wieder, ob das Geräusch noch vorhanden ist oder ob es lauter geworden ist. Dadurch bleibt der Tinnitus ständig im Fokus.
In der Verhaltenstherapie kann gelernt werden, solche automatischen Gedanken und Aufmerksamkeitsprozesse zu erkennen und zu verändern.
Das bedeutet nicht, sich einzureden, dass der Tinnitus nicht vorhanden sei. Vielmehr geht es darum, seine Bedeutung für den eigenen Alltag zu verändern.
Wie läuft eine Verhaltenstherapie ab?
Am Anfang steht normalerweise eine genaue Betrachtung der individuellen Situation.
Dabei kann beispielsweise besprochen werden:
- Wie lange besteht der Tinnitus?
- In welchen Situationen wird er besonders stark wahrgenommen?
- Welche Gedanken löst er aus?
- Wie beeinflusst er Schlaf und Konzentration?
- Welche Situationen werden aufgrund des Tinnitus vermieden?
- Welche zusätzlichen Belastungen bestehen?
Auf dieser Grundlage können individuelle Therapieziele entwickelt werden.
Bei einer Person steht möglicherweise der Schlaf im Vordergrund, bei einer anderen die Angst vor einer Verschlechterung und bei einer weiteren die dauerhafte Konzentration auf das Ohrgeräusch.
Die Therapie kann entsprechend unterschiedlich aufgebaut sein.
Welche Methoden können eingesetzt werden?
Die kognitive Verhaltenstherapie umfasst verschiedene Methoden. Welche davon eingesetzt werden, hängt von den individuellen Beschwerden ab.
Gedanken überprüfen
Belastende Gedanken über den Tinnitus werden identifiziert und hinterfragt.
Dabei geht es nicht um künstlich positives Denken, sondern um eine realistischere Bewertung der Situation.
Aufmerksamkeit verändern
Betroffene können lernen, ihre Aufmerksamkeit bewusst auf andere Reize und Aktivitäten zu richten.
Das kann dazu beitragen, dass der Tinnitus im Alltag weniger Raum einnimmt.
Umgang mit Stress verbessern
Stress kann die Wahrnehmung des Tinnitus verstärken. Deshalb können Strategien zur Stressbewältigung Bestandteil der Therapie sein.
Verhalten verändern
Manche Betroffene ziehen sich aufgrund ihrer Beschwerden zunehmend zurück oder vermeiden bestimmte Aktivitäten.
Ein Ziel kann deshalb sein, wieder mehr positive Aktivitäten in den Alltag zu integrieren.
Schlaf verbessern
Schlafprobleme treten bei belastendem Tinnitus häufig auf. Entsprechend können auch Strategien zur Verbesserung des Schlafverhaltens Teil einer Therapie sein.
Kann Verhaltenstherapie den Tinnitus leiser machen?
Hier ist eine wichtige Unterscheidung notwendig.
Das primäre Ziel der kognitiven Verhaltenstherapie besteht nicht darin, die wahrgenommene Lautstärke des Tinnitus unmittelbar zu reduzieren oder das Ohrgeräusch vollständig zu beseitigen.
Im Mittelpunkt steht vielmehr die Belastung durch den Tinnitus.
Wenn Betroffene weniger Angst vor dem Geräusch haben, ihm weniger Aufmerksamkeit schenken und ihren Alltag wieder aktiver gestalten, kann der Tinnitus subjektiv weniger störend werden.
Manche Menschen berichten im Verlauf auch von einer veränderten Wahrnehmung. Ein vollständiges Verschwinden des Tinnitus kann durch eine Verhaltenstherapie jedoch nicht versprochen werden.
Welche Rolle spielen Stress und Aufmerksamkeit?
Stress und Tinnitus können sich gegenseitig beeinflussen.
Viele Betroffene berichten, dass sie ihr Ohrgeräusch in besonders belastenden Phasen stärker wahrnehmen. Gleichzeitig kann ein ständig wahrgenommener Tinnitus selbst zusätzlichen Stress verursachen.
Auch Aufmerksamkeit spielt eine wichtige Rolle.
Je häufiger überprüft wird, ob der Tinnitus noch vorhanden oder möglicherweise lauter geworden ist, desto stärker kann er in den Mittelpunkt der Wahrnehmung rücken.
Verhaltenstherapeutische Strategien können dabei helfen, diese Zusammenhänge zu erkennen und den Umgang damit zu verändern.
→ Mehr erfahren: Entspannung und Stressbewältigung bei Tinnitus
Für wen kann Verhaltenstherapie sinnvoll sein?
Eine Verhaltenstherapie kann insbesondere bei chronischem Tinnitus sinnvoll sein, wenn die Ohrgeräusche eine deutliche Belastung darstellen.
Das kann beispielsweise der Fall sein bei:
- Schlafproblemen
- Konzentrationsproblemen
- Ängsten
- starker Beschäftigung mit dem Tinnitus
- Stress und Anspannung
- Einschränkungen im Alltag
- depressiven Beschwerden
- sozialem Rückzug
Ob eine psychotherapeutische Behandlung sinnvoll ist, sollte individuell beurteilt werden.
Dabei können auch weitere psychische oder körperliche Beschwerden berücksichtigt werden.
Wie gut ist die Wirksamkeit belegt?
Die kognitive Verhaltenstherapie gehört zu den Verfahren mit vergleichsweise guter wissenschaftlicher Evidenz bei chronischem Tinnitus.
Untersuchungen zeigen insbesondere Verbesserungen hinsichtlich der tinnitusbedingten Belastung und der Lebensqualität.
Auch die deutsche S3-Leitlinie zum chronischen Tinnitus empfiehlt psychotherapeutische beziehungsweise verhaltenstherapeutische Interventionen bei entsprechend belasteten Betroffenen.
Entscheidend ist dabei erneut die Zielsetzung: Die Behandlung soll vor allem dabei helfen, besser mit dem Tinnitus zu leben, anstatt ein vollständiges Verschwinden des Ohrgeräusches zu versprechen.
Unterstützung bei Tinnitus finden
Wenn Tinnitus den Alltag, den Schlaf oder das persönliche Wohlbefinden beeinträchtigt, kann professionelle therapeutische Unterstützung sinnvoll sein.
Auf Tinnitus-Therapeuten finden Sie Therapeutinnen und Therapeuten, die Erfahrung in der Begleitung von Menschen mit Tinnitus haben.
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Quellen und weiterführende Informationen
- S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“, Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), Registernummer 017-064
- NICE Guideline NG155 „Tinnitus: assessment and management“, National Institute for Health and Care Excellence
